Frithjof Bergmann tourt gerade durch Österreich. Letzte Woche in Graz bei der katholischen Hochschulgemeinde. Alleine die Stimmung war beeindruckend. Als ich fünf Minuten vor Beginn eintreffe, werden bereits Ersatzstühle herbeigeholt.
Nachdem im Zuschauerraum aber kein Platz mehr ist, füllt sich auch der Platz rund um den Vortragenden. Für Frithjof Bergmann kein Problem, er begrüßt die neu Eintreffenden mit “Kommen Sie nur, die besten Plätze sind noch frei”. Und eröffnet das Gespräch, wie er es nennt, mit einer eindringlichen Aufforderung an der Diskussion teilzunehmen:
“Mir ist es absolut sympathisch, wenn es bis drei Uhr früh geht. Mein Zug geht um zehn vor fünf, bis dahin hab ich Zeit.”
Man kann gar nicht anders, als ihm das auch zu glauben. Hier steht der Inbegriff des Philosophieprofessors und – noch wichtiger – die Verkörperung seiner eigenen Ideen.
Frithjof Bergmann (www.newwork-newculture.net) begründete vor über 20 Jahren das Konzept der “Neuen Arbeit” – als alternatives Model zum Kapitalismus. Mit einem Wirtschaftssystem, das nicht Profite maximiert, sondern darauf ausgelegt ist, die Bedürfnisse der Menschen möglichst effizient (mit wenig Arbeitseinsatz) zu befriedigen. Und einem völlig neuen Arbeitsbegriff. Nur 1-2 Tage pro Woche werden in Bergmanns Utopie für herkömmliche Erwerbsarbeit nötig sein – um Güter und Dienstleistungen für das alltägliche Leben zu bezahlen.
Die restliche Zeit können Menschen dann das tun, was sie wirklich wirklich tun wollen. Und dabei ihre innersten Sehnsüchte und Talente verwirklichen. Klingt doch verlockend, oder? Am Wissenschaftszentrum Berlin wurde dafür der Begriff Mischarbeit geprägt. Was für eine Vision gegenüber der heutigen Arbeitswelt, wo sich viele Menschen von Urlaub zu Urlaub retten und ihren Job als permanente leichte Erkältung ertragen gelernt haben!
Dass Menschen, die in die in unserer westlichen Arbeitskultur groß geworden sind, für solche Veränderungen (vor allem auch der inneren Haltung) möglicherweise Unterstützung brauchen, liegt auf der Hand. Für viele gleicht die Arbeit – wie Bergmann es nennt – einer leichten Erkältung: Suboptimal und doch ertragbar, man gewöhnt sich dran.
Seit 20 Jahren versucht Bergmann das Konzept verständlich zu machen und weiß selbst, dass die Umsetzung noch deutlich in der Zukunft liegt. Trotzdem: viele (kleinere) Projekte zeigen schon heute mögliche Anwendungen. Wie zum Beispiel das Selbst&Wert Projekt Berufung und Selbstwert als neuer Weg.

