
Vorher:
40 bis 45 Stunden an fünf Tagen in der Woche am Designer-Schreibtisch in einem modernen, glaslastigen, aber nachhaltig klimatisierten Bürogebäude. Die Visitenkarte weist den Consultant aus. Nur selten stressige Abgabetermine. Regelmäßige Mittagspausen mit den netten Kollegen (im Sommer am Wasser, im Winter in der nahen Arbeitsamtkantine). Umgängliche Chefs. Gelegentliches Meckern über die Strategie das Hauses. Regelmäßig gezahltes, angemessenes Akademikergehalt. Urlaubsanspruch leicht überdurchschnittlich. Bei der Arbeit kaum Kontakt nach außen. Keinen Sinn mehr in der Arbeit. Ewig gleiche Aufgaben. Nur auf den ersten Blick ein Beitrag zu einer nachhaltigeren Welt. Keine Entwicklungsperspektive irgendwo hin. Sonntagabenddepression.
Nachher:
60 bis 65 Stunden an sechs Tagen in der Woche zwischen stickigem, kleinen Büro, Ladentheke, Werkstatt und Homeoffice. Die Visitenkarte sagt: Fahrradverkäufer. Extremer Stress in der Hauptsaison. Pausen sind nicht vorgesehen. Ich bin einer der Chefs, meckern hilft also nichts, sondern machen. Mal abgesehen von den Sachzwängen: Selbstbestimmung pur. Das Gehalt würde deutsche Lokführer zum Streik veranlassen. Urlaub: Vielleicht wenn das Wetter im Winter besonders schlecht ist. Kontakt mit vielen Menschen. Meine Arbeitskraft bewirkt sichtbar etwas. Jeden Tag neue Herausforderungen auf den verschiedensten Ebenen. Frei nach EDEKA: Wir lieben Fahrräder. Denn sie leisten einen Beitrag zur nachhaltigen Mobilität. Meine beruflichen und persönlichen Entwicklungsmöglichkeiten werden nur durch meine Vorstellungskraft begrenzt. Sonntagabend: Müde, aber zufrieden mit der Gesamtsituation.
Frage:
Wie lange kann das gut gehen? Auch Samstags gehört Papa der Arbeit. Fahrradfahren nur noch in der Theorie. Keine Zeit fürs Zeitgeschehen. Ehrenämter sind für Beamte und Rentner. Weblogs müssen andere füllen. Und klare Gedanken abseits der Fahrradwelt: Kostbare Seltenheiten.

