Ich sitze im ICE 562 von Wien nach Bregenz (oder München). Ab Wien 6.14, an Salzburg 8.53. In 2 Stunden 39 Minuten von Wien nach Salzburg. In ein paar Jahren, wenn der Tunnel unter dem Wienerwald fertig ist, werden es noch 20 Minuten weniger sein. Nach Graz dauert’s noch ein wenig länger – bis man dort ist und bis der Tunnel gebaut wird. Dafür kurvt man entschleunigt über die Weltkulturerbestrecke Semmeringbahn.
Zurück nach Salzburg. Natürlich schau ich nicht entspannt aus dem Fenster! Ich arbeite den gestrigen Tag auf, bereite mich auf heute vor und schreibe diesen Blogeintrag. Ich fahre zu einer 3-stündigen Besprechung über Lebensqualität. Gibt’s mehr Lebensqualität auch mit weniger? Oder schöpfen wir mehr Lebensqualität nur aus dem immer schneller, immer höher, immer weiter. Um 17.00 Uhr bin ich wieder in Wien, um meine Tochter im Kindergarten abzuholen. Vor ein paar Jahren wär das noch nicht möglich gewesen. Das Paradoxe: wir fahren immer schneller, weiter, manchmal auch höher, um darüber zu reden, was uns das eigentlich gebracht hat.
Und immer öfter darüber, wie wir uns wieder entschleunigen. Als Einzelne: mehr Zeit für uns selber, für unsere Kinder, für’s Theater und für das eine oder andere Bier mit Freunden. Und als Gesellschaft: geht das überhaupt, oder hängen uns dann die fleißigen Chinesen endgültig ab? Ich meine: Asien, Lateinamerika, erst recht: Afrika haben noch einiges aufzuholen. Das Einkommen und der Wohlstand pro Kopf der Bevölkerung ist dort noch um ein vielfaches geringer. Und auch in Österreich nehmen die Unterschiede eher zu als ab. Da können wir „Besserverdiendenen” es uns schon einmal leisten, es langsamer anzugehen – aus dem Fenster zu schauen, kürzer zu arbeiten, ein Projekt den Kollegen zu überlassen…
Weniger arbeiten, weniger konsumieren und damit auch weniger Ressourcen verbrauchen – auch das ist Fortschritt! Aber es ist gar nicht so einfach, aus den “Tretmühlen des Glücks” auszusteigen, wie uns Mathias Binswanger in seinem 2006 erschienenen Buch sehr schön gezeigt hat. Diese Tretmühlen sind nämlich nicht nur individuelle Verhaltensmuster (und damit schwer genug zu ändern) sondern manifestieren sich auch kolletkiv, d.h. im Zusammenwirken vieler. Wir hetzen uns gegenseitig, treiben einander zu Höchstleistungen an.
So: jetzt schau ich aber mal aus dem Fenster!
PS: einige unserer Projekte zu diesem Thema gibt es unter www.seri.at/happiness
Und auch in meinem alten Blog fritzhinterberger.twoday.net habe ich mich schon damit beschäftigt.

