Neulich war ich zu einem Vortrag in einem besonderen Setting eingeladen. Der Universitätsclub Klagenfurt veranstaltete sein jährliches Top-Management-Seminar. Zum Thema Verantwortung (Corporate Social Responsibility) – hochkarätig besetzt. Ort der Veranstaltung: die Abbazzia di Rosazzo, ein altes Kloster in Friaul. Die Vorträge finden im Freien statt – jeweils eine Stunde Vortrag und viel Zeit zur Diskussion. Alles war vorbereitet: die Reise gebucht, das Papier geschrieben und an den Veranstalter geschickt und dann das: meine Frau stürzt und muss für ein paar Tage ins Krankenhaus. Ich hätte die Reise schon abgesagt, wäre ich nicht vom Organisator, Horst Peter Groß, so charmant wie eindringlich gebeten worden, das nicht zu tun. Die Lösung: bringen sie doch Ihre Tochter mit!
Meine Tochter hat das Down-Syndrom. Sie leidet nicht am Down-Syndrom, wie es oft so politisch wie persönlich unkorrekt heisst. Lisa ist 6 Jahre alt und kommt im Herbst in die Schule. Wenn man sie sieht, würde man sie eher auf 3 Jahre schätzen. Sie spricht noch ziemlich wenig, ihr Zahlenbegriff ist: 1, 2, viele (in ihrer Sprache). Dem gegenüber steht aber eine ganz unglaubliche intuitive und emotionale Exzellenz. Es gibt heute Schulen für intellektuell Hochbegabte, die sich auch besonders um die manchmal auch vorhandenen emotionalen und sozialen Defizite der SchülerInnen kümmern. Es bräuchte auch Schulen für emotionale Exzellenz, denke ich mir manchmal.
Aber zurück zu meinem Vortrag. Wir wurden auf der Abbazzia gleich sehr herzlich und positiv aufgenommen. Wir kamen zum Mittagessen, hörten dann den Vortrag des ehemaligen SPD-Vorsitzenden und Ministerpräsidenten Björn Engholm und die daran anschliessende Diskussion und dann war ich dran. “Wie machen wir das mit Ihrer Tochter?”, wurde ich von dem sehr umsichtigen und effektiven Organisationsteam ein paar Mal gefragt. “Ich hab keine Ahnung”, war meine Antwort. “Ich fang mal an und dann sehen wir weiter.” So ging es dann auch. Lisa wich mir nicht von der Seite, unterstützte meinen Vortrag mit Gesten und einigen Worten in ihrer Sprache. Hier ein paar Bilder:
Der Vortrag dauerte eine ganze Stunde. Es ging um Lebensqualität, Glück und die Grenzen des Wachstums. Und warum ein gutes Leben auch oder gerade jeneits des “immer schneller-höher-weiter” möglich ist. Den Beitrag gibt es hier zum Download. Einige Teilnehmerinnen meinten nachher, sie wären schon etwas abgelenkt gewesen. Andererseits hätte Lisa mein Referat auf ihre Art ergänzt und dem Ganzen so noch eine besondere Dimension dazu gefügt. Zum Abschluss des Symposiums hatte ich, nein: hatten wir noch ein kurzes Schlusswort, das einer der Teilnehmer freundlicherweise auf Video dokumentiert hat:
Da der Text schlecht zu verstehen ist, schreibe ich es hier noch einmal nieder (sinngemäß):
Eines meiner Lieblingsbücher ist “Enjoy your Life” von der amerikanischen Psychologin Martha Beck (Piper Taschenbuch. Hier bei Amazon). Auf den ersten Blick ein typisch amerikanisches Ratgeberbuch: in 10 Schritten zum Glück. Aber die Schritte haben’s in sich. Interessant ist dabei, dass praktisch keiner dieser Schritte etwas mit Geld zu tun hat. Der erste (und darauf reitet sie das ganze Buch lang zu recht herum): jeden Tag mindestens 10 Minuten nichts tun. Damit fängt alles an – und ist gleichzeitig das schwierigste. Schritt Nummer 2: äußere Deinen Herzenswunsch. Martha Beck schreibt dazu: wenn sie das ihren KlientInnen sagt, schauen sie die meisten an, als hätte sie ihnen gerade Marihuana angeboten. Es gehört sich in unserer Gesellschaft nicht, seinen Herzenswunsch zu äußern. Dabei ist es aber erst der Schlüssel zu einem guten Leben. Wer nicht einmal aussprechen kann, was er/sie wirklich wirklich möchte, wird es schwerlich erreichen können. (Womit wir auch wieder beim Thema “Berufung” wären).
Und: wem es selbst nicht gut geht, der wird auch schlecht Verantwortung für andere übernehmen können. Diese Veranstaltung ist ein Beispiel dafür beides zu verbinden: das eigene gute Leben mit der Verantwortung für andere.
Lisa hat dieser an sich schon tollen Veranstaltung eine ganz besondere Note gegeben!

