Vier herzliche Berührungen pro Tag sind das Existenzminimum.
Acht braucht der Mensch zu seinem Wohlbefinden.
Zwölf zur Entfaltung seiner Persönlichkeit.
Virginia Satir
Ich hatte das Glück vor kurzem 5 Wochen in Brasilien zu verbringen, dabei Land, Leute, Kultur und Natur kennen zu lernen. Sehr bald schon wurde mir klar, warum die BrasilianerInnen, wie auch andere LateinamerikannerInnen, trotz geringem Durchschnittseinkommen und großer Schere zwischen arm und reich, laut Umfragen (und auch laut eigenen Beobachtungen) eine sehr hohe Lebenszufriedenheit haben. Neben der Mentalität, der Sonne, der reichen Natur, der Musik, sind es wohl vor allem herzliche Berührungen und Lächeln, die das Glück der Menschen hier steigern.
Hier 2 Ausschnitte aus meinem Reisetagebuch:
so viele laecheln, wie ich hier an einem tag kriege, krieg ich in wien nicht in einem jahr ; ) gefuehle werden gezeigt, niemand ist kontrolliert und cool. da fühl ich mich daheim, kann laut lachen und zeigen was ich fuehle und das ist ganz normal.
Die gluecksforschung sagt ja, dass beziehungen zu menschen, naehe etc. ganz wichtig fuer das well-being sind. Wenn ich sehe, wie oft sich die menschen hier umarmen oder beim reden einhalten, auf die schulter klopfen, die hand halten, dann kann ich gut verstehen, warum die menschen hier gluecklicher zu sein scheinen als bei uns. Ein beispiel: ich machte in bahia einen ausflug mit einer organisierten tour zu einem strand im norden. Zum abschied umarmte die reiseleiterin alle ganz fest. Koennt ihr euch das vorstellen, nach einer stadtfuehrung in wien vom stadtfuehrer umarmt zu werden???
Durch meine Beschäftigung mit dem Thema Glück und Lebensqualität, nicht nur privat, sondern seit einiger Zeit auch beruflich (infos darüber hier), bin ich natürlich schon vorbelastet und mit einigen Hypothesen im Kopf, hingeflogen. Vermutlich lag mein Fokus daher darin, die Menschen und ihre Ausstrahlung zu beobachten und zu spüren. Aber selbst unvoreingenommene Reisende wurden von dieser Herzlichkeit, Offenheit, Nähe angesteckt. Ich hab kleine „empirische Untersuchungen” gemacht, indem ich sie fragte, wie sie sich hier fühlen, was ihnen besonders gefalle. Es war ihnen durchaus nicht immer bewusst, warum sie sich so wohl fühlten, aber nach kurzem Nachdenken, sagten sie: wegen der Menschen und ihrer Fröhlichkeit, ihrer Wärme, ihrer Lebensfreude. Natürlich gibt es in Brasilien genug weniger schöne Dinge, wie Armut, Korruption, riesige Einkommensschere, Energie- und Ressourcenverbrauch ohne Ende. Natürlich gäbe es für uns NachhaltigkeitsforscherInnen genug zu tun, beginnend bei der Bewusstseinsbildung und endend bei konkreten Projekten in allen Bereichen der nachhaltigen Entwicklung und bei den objektiven Bedingungen der Lebensqualität (siehe SERI Working Paper 8).
Aber was das sich Wohlfühlen, Zufrieden sein, Lachen und Umarmen betrifft, sind die Brasileiros und Brasileiras WeltmeisterInnen! Nicht nur im Fußball und in Capoeira…
Warum sind wir ÖsterreicherInnen bzw. EuropäerInnen so reich an objektiven Bedingungen der Lebensqualität (Einkommen, soziale Sicherheit, funktionierendes Gesundheitssystem, intakte Umwelt, Zugang zu Bildung etc.) und fühlen uns dennoch oft so unglücklich? Mag es an den weniger als 12 herzlichen Berührungen pro Tag liegen???
Wünsche Euch allen ein neues Jahr voller Nähe, Lächeln und schönen Begegnungen!

