Mehr Lebensqualität bei weniger Ressourcenverbrauch – das ist die Herausforderung einer nachhaltigen Zukunft. Wirtschaftliche Entwicklung wird unter diesen Vorzeichen anders aussehen als heute. Weniger Wirtschafts-Wachstum ist wahrscheinlich Dazu sind Anstrengungen der Wirtschaft, der Politik und jedes/jeder Einzelnen nötig, um zu erreichen, was alle wollen: ein gutes Leben. Dazu werde ich in diesem Jahr an einem Arbeitskeis der Alpbacher Reformgespräche mit dem Thema “Wie lassen sich Wirtschaft, Klima und Entwicklung nachhaltig vereinbaren?” teilnehmen.
Erfolg in der Wirtschaft und damit auch in der Politik – und vielfach auch für jeden einzelnen, wird heute daran gemessen, ob wir mehr erreichen als im letzten Jahr. 9,58 Sekunden auf 100 m statt 9.72 zum Beispiel.
Auf diesem Weg hat sich die Wirtschaftsleistung und damit der materielle Konsum Europas innerhalb weniger Jahrzehnte vervielfacht.
Die Lebensqualitätsforschung – ein relativ junger Zweig der Wissenschaft – zeigt aber, dass jedenfalls für den Durchschnittsbürger industrialisierter Länder wie Österreich die gefühlte Lebensqualität mit wachsendem Einkommen nicht mehr ansteigt. Das Projekt „Wohlstand für alle” scheint aus dieser Sicht abgeschlossen – wenn man bedenkt, dass sich die Armut in reichen Gesellschaften gut über eine gerechtere Verteilung von Einkommen und Vermögen verringern ließe.
Nun ist das Wachstum des Bruttoinlnandsprodukt auf diesem hohen Niveau ins Stocken geraten. Es wird in diesem Jahr deutlich sinken – im nächsten möglichweise nur wenig wachsen. Für die Umwelt scheint dies zunächst positiv: weniger Ressourcenverbrauch bedeutet weniger Druck auf die ohnehin bereits überbeanspruchten globalen Ökosysteme, die bereits begonnen haben, sich negativ auf unsere Zivilisation auszuwirken.
Dennoch ist die Wachstumsschwäche unter gegebenen Rahmenbedingungen ein Problem. Vor allem, weil weniger Wachstum (und erst recht ein Rückgang des BIP) Arbeitslosigkeit erzeugt. Andererseits: wenn die Menschen weniger nachfragen, ihre Autos gerne länger behalten und ihr Handy auch etc. und auch mehr Freizeit durchaus schätzen, weshalb wieder weniger nachgefragt und auch weniger produziert werden muss, dann sollten sich Wirtschaft und Gesellschaft darauf einstellen. Kann sie sich darauf einstellen?
Es ist an der Zeit, diese Frage in den Mittelpunkt wirtschaftlicher und sozialwissenschaftlicher Forschung zu stellen, anstatt zu hoffen, dass die Wirtschaftsmaschinerie wieder auf den alten Wachstumspfad zurück findet, was für Klima und Umwelt – und damit für alle Menschen – immer schwerwiegendere Konsequenzen mit sich bringt.
- Wie kann eine reiche Gesellschaft seine Wirtschaft so organisieren, dass Arbeitsplätze geschaffen werden und erhalten bleiben, ohne darauf angewiesen zu sein, immer mehr zu produzieren?
- Wie kann ein „gutes Leben” für einen großen Teil der Bevölkerung (auch für die Zukunft) gesichert werden, wenn die jährliche Wirtschaftsleistung im Wesentlichen konstant bleibt?
- Welche Systeme brauchen Arbeitsmarkt, soziale Sicherung, Bildung, etc. um sich auf eine solche Entwicklung einzustellen?
- Welche kulturellen Veränderungen sind dafür nötig? Was wächst, wenn die Wirtschaft nicht mehr wächst”.
- Wie läßt sich Fortschritt messen – wenn nicht an der Vermehrung des Bruttoinlandsproduktes?
- Welches Ziel kann eine Gesellschaft haben, wenn Wirtschaftswachstum nicht mehr in der gewohnten Form möglich ist.
Seit einigen Jahren beschäftigen österreichische und internationale Projekte im wissenschaftlichen wie politischen Rahmen mit solchen und ähnlichen Fragen – etwa das von der OECD betriebene Projekt „Measuring Progress of Societies“, der EU-Prozess „Beyond GDP“, der deutsche Thinktank „Denkwerk Zukunft” sowie in Österreich das vom Lebensministerium initiierte Projekt „Wachstum im Wandel“, an dem neben meheren Ministerien und Bundesländern auch Unternehmen und NGOs wie der Club of Rome oder das Ökosoziale Forum teilnehmen.
Es ist sehr spannend, an mehreren dieser Projekte beteiligt zu sein. Mehr Lebensqualität für alle ist auch ohne Wirtschaftswachstum möglich, wenn es gelingt, die richtigen Rahmenbedingungen zu setzen. Dazu gehört, Arbeit auf mehr Menschen zu verteilen, das Steuersystem umzugestalten und die soziale Sicherung so zu organisieren, das hohe aber nicht unbedingt weiter steigende Sozialprodukt bestmöglich zu verteilen. Für den/die einzelnen heißt dies weniger Stress, möglicherweise kürzere Arbeitszeiten und mehr Zeit, die hohe Lebensqualität wirklich zu genießen.

