Die französische Energieagentur, Schienennetzgesellschaft und Eisenbahngesellschaft haben die erste CO2-Bilanz über die gesamte Wertschöpfungskette einer Hochgeschwindigkeit-Eisenbahnstrecke (LGV für ligne à grande vitesse) veröffentlicht. Die Studie wurde auf einem 140 Kilometer langen Ast der sich im Bau befindlichen Linie “Rhin-Rhône” durchgeführt.
Das mehr als 2,3 Milliarden € teure vom Steuerzahler bezahlte Projekt ist von pharaonischem Ausmaß. Nach mehr als 10 Jahren Planungsphase werden heute an der Baustelle bis zu 50 Millionen m³ Schutt transportiert. Dies entspricht ungefähr 18-mal der Cheops-Pyramide. Entlang der Strecke entstehen zahlreiche Brücken, Viadukte, und 400 km Abzäunung.
Unter Einbeziehung aller Projektphasen wurde der CO2-Fußabdruck der Strecke berechnet (Planung, Aufbau, Betriebszeitraum von 2011 bis 2041). In die Berechnung flossen das eingesetzte Material wie Beton, Stahl und Kalk sowie der Arbeitsaufwand ein. (z.B: Energie, Transport, Vorbereitung des Einsatzgebiets) Laut CO2-Bilanz werden bis 2041 rund 1,9 Mio. t CO2 direkt und indirekt in die Atmosphäre freigesetzt (davon 53% aus Traktionsenergie und 42% aus der Aufbauphase). Man rechnet mit durchschnittlich 1,2 Mio. Reisenden jährlich auf der neuen Hochgeschwindigkeitsstrecke. Durch den Verzicht auf Autofahrten und Flugreisen sollen dadurch ungefähr 3,5 Mio. t CO2 eingespart werden. Demnach wird die LGV ab 2024 effektiv CO2-Emissionen einsparen.
Je Schneller, desto mehr Energieaufwand
In der oben beschriebenen Bilanzierung umfasst die Traktionsenergie 53% der globalen CO2-Emissionen der Strecke, sie wird durch elektrischen Strom gedeckt. Dabei muss ein bedeutender Teil der Energie dafür aufgewendet werden, den Luftwiderstand zu überwinden. Die Züge werden dank neuer Technologien immer aerodynamischer und leichter. Dadurch werden eine ständige Steigerung der Energieeffizienz und eine dementsprechende Senkung von CO2-Emissionen erreicht. Dies geschieht aber nur bei gleichbleibender Geschwindigkeit.
Die Nachfrage nach höheren Geschwindigkeiten steigt dennoch weiter an. Dies hat wiederum die Folge, dass ein höherer Luftwiderstand überwunden werden muss, und dadurch auch wieder mehr Energie aufgewandt wird. Erhöht man zum Beispiel das Tempo von 200 km/h auf 350 km/h (was mit der nächsten Zug-Generation „AGV“ möglich sein wird) ergibt sich eine 90%ige Steigerung des Energieverbrauchs, während die Reisezeit nur um weniger als 25% verringert wird (Kemp 2004; White Paper 2007).
Nicht nur CO2
Der Energieträger für den Hochgeschwindigkeitszug ist elektrischer Strom. Deshalb ist eine „grüne“ Hochgeschwindigkeitsleistung ohne der „Dekarbonisierung“ der Energie-Produktion ausgeschlossen. In Frankreich ist dies der Fall. Denn dort kommen 80 % der Stromerzeugung aus Kernregie. EDF speist das Netz mit Strom, bei dessen Produktion „nur“ 53g CO2/kWh emittiert werden, aber andererseits auch 9.8 mg/kWh radioaktive Abfälle (EDF 2008). Mit dem geplanten Bau von tausenden Kilometern LGV durch ganz Europa, USA, Asien und auch Nordafrika (1500km LGV – Marokko) wird der Energiebedarf für den Hochgeschwindigkeitsverkehr weiterhin steigen (Nuklearenergie – Marokko).
In der ganzen Welt herrscht Konsens darüber, THG-Emissionen unabdingbar einzusparen. Kohlenstoffsteuern tauchen überall auf und Kopenhagen wird bald eine der wichtigsten Städte des Planeten sein. Man muss sich auch dessen bewusst werden, dass wir jenseits der CO2-Emissionen, und trotz aller Effizienzgewinne, immer mehr Ressourcen verbrauchen, welche aber nicht unendlich sind. Der Umgang der Industrialisierten Gesellschaft mit den nicht-erneuerbaren und erneuerbaren Ressourcen ist bei weitem nicht nachhaltig. Wir verbrennen, nutzen, werfen Alles weg, und zwar immer schneller und zu oft umsonst. Wir leben nicht mehr nur von den Zinsen des „Naturkapitals“, sondern verringern das Kapital unseres Planeten. Wir verwirken damit unmittelbar die Rechte auf Ressourcen der zukünftigen Generationen. Wollen wir wirklich in diesem Rhythmus weiterleben?
574,8 Km/h World rail speed record 2007
Wer sein Französisch üben will:
Premier bilan Carbone ferroviaire global (Oct. 2009)
Sarkozy au Maroc, 1500km LGV (Oct. 2007)
Sarkozy au Maroc, énergie nucléaire civile (Oct. 2007)
Ligne à Grande Vitesse Rhin-Rhône (2006)

