Als Anfang August wieder einmal die Börsenkurse in den Keller rasselten, habe ich mir vom Buchhändler meines Vertrauens drei Bücher geholt und mir aufs Urlaubs-Nachtkästchen gelegt. Meine Frage, die mich schon seit einiger Zeit bewegt, in der nicht nur die Politik, sondern auch Wirtschaft und Wirtschaftsforscher so tun, als sei schon alles wieder gut, der Aufschwung da, das gröbste hinter uns: war es wirklich nur ein kleiner Aussetzer des weltweiten Wirtschaftsmotors oder kommt der große Absturz erst noch. In Österreich scheinen wir ja, wie es unsere Art ist, einen Mittelweg gefunden zu haben: die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst. Wir wurschteln uns schon durch.
Das erste meiner drei Bücher ist gleichzeitig das umfangreichste: auf über 450 Seiten beschreiben Nouriel Roubini und Stephen Mihm „Das Ende der Weltwirtschaft und Ihre Zukunft“ (Goldmann Taschenbuch). Roubini, Professor an der New York University, hatte sich 2006 einen Namen gemacht, weil er die Finanz- und Wirtschaftskrise in ihrem Ablauf ziemlich genau vorher gesagt hat. Jetzt zeichnet er die Entwicklung nicht nur ausführlich nach, sondern vergleicht sie mit vielen anderen, ganz ähnlichen „Krisen“ – etwa den globalen Krisen von 1630, 1720, 1825, 1907, 1929, 2009 – aber auch den vielen regionalen Krisen der letzten Jahrzehnte, die in den betroffenen Ländern und Branchen (Japan, Indonesien, Thailand, Russland, Argentinien, dot.com) teilweise noch verheerender waren als die, in der wir uns gerade befinden (oder ist sie schon wieder vorbei?).
Man gewinnt den Eindruck, dass spekulative Blasen und deren Platzen nicht die Ausnahme sind, sondern die Regel. 450 Seiten lassen sich nicht in einem Satz zusammen fassen. Was in meinem Kopf hängen bleibt, ist das „über die eigenen Verhältnisse leben“ (S. 117) in Teilen der Weltwirtschaft, das (zu) lange von Sparern in anderen Teilen finanziert wird. Wenn diese Finanzierung dann abgezogen wird, weil die Investoren kalte Füße bekommen, kommt eine Kettenreaktion in Gang, die – wenn auch für manche vorhersehbar – schwer in den Griff zu bekommen ist. Genau diese Kettenreaktion wird von Roubini und Mihm sehr verständlich beschrieben und es liest sich schon etwas gespenstisch, wenn man die Kommentare der letzten Wochen noch im Ohr hat.
Roubini und Mihm sagen aber auch, dass eine (und welche) Politik nötig ist, die solche Krisen seltener und schwächer ausfallen lässt, und die die Auswirkungen wirkungsvoller bekämpft. Eine klare Absage an das marktgläubige „es geht schon wieder aufwärts“. Was mir an diesem wirklich spannenden Buch fehlt, ist der tiefere Grund für die Krisen. Die Autoren beschreiben zwar die Auswirkungen der finanziellen Prozesse auf die „Realwirtschaft“, aber nicht ob es nicht irgendwo im realen Wirtschaftsgeschehen vielleicht Prozesse gibt, die dazu führen, dass Blasen entstehen und – wie Roubini und Mihm zeigen – notwendigerweise platzen.
Genau hier setzt Elmar Altvater an. „Der große Krach oder die Jahrhundertkrise von Wirtschaft und Finanzen, von Politik und Natur“ (Westfälisches Dampfboot) schaut genau genommen nicht nur auf die Realwirtschaft, sondern auf die dahinter liegenden Kräfte, die diese treiben: Arbeit und natürliche Ressourcen. Als Marxist beruft er sich natürlich auf die Widersprüche, die den Produktionsverhältnissen in Bezug auf diese „Produktionsfaktoren“ (ein Begriff, den er so natürlich nicht verwenden würde) zugrunde liegen. Auch wenn der technische Fortschritt es ermöglicht, aus Arbeit und Ressourcen immer mehr zu machen: letztlich sind beide nicht beliebig vermehrbar – nehmen teilweise sogar ab. Kapital – der zentrale Begriff der Finanzwirtschaft – basiert letztlich auf menschlicher Arbeit und natürlichen Ressourcen. Und um Kapital zu bilden, muss beim Konsum gespart werden.
Da die Finanzwirtschaft aber die ständige Akkumulation von Kapital erfordert, geht sich das (wiederum unzulässig stark vereinfacht) irgendwann nicht mehr aus. Die Blase platzt, die Krise ist da. In diese Analyse, endlich auch die „Naturverhältnisse“ angemessen einbezogen zu haben, ist das große Verdienst von Altvaters „Beitrag zur von Pierre Bourdieu schon 1998 angemahnten ‚ökonomischen Alphabetisierung‘ “.
Auch Altvater fordert eine beherzte „Politik gegen die Krise“. „Reparatur? Reform? Sozialismus!“ heißt das entsprechende Kapitel und macht schon in der Überschrift klar, wohin der Hase läuft. Letzterer wird auf 20 Seiten dann doch relativ dünn beschrieben. „Solar, demokratisch, solidarisch“ soll er sein, der „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“. Zur notwendigen Reparatur des Finanzsystems finden sich fünf Punkte, die von Roubini und Mihm auf über 200 Seiten wesentlich profunder dargestellt werden.
Dazwischen steht ein „Postkeynesianischer Staatsinventionismus“, den Altvater als „Sackgasse“ denunziert, weil er die ökologischen und sozialen Probleme nicht an der Wurzel packt. Diese Probleme effektiv anzupacken ist aber jedenfalls notwendig und kann gar nicht verkehrt sein. Hier hilft – zumindest was die ökologische Seite betrifft – mein drittes Buch weiter: „Das grüne Wirtschaftswunder“ vom oberösterreichischen Energie- und Umweltlandesrat Rudi Anschober (Ueberreuter). Mit einer Krise hält Anschober sich gar nicht auf. Ihm geht es darum, zu zeigen, „wie die Energierevolution funktioniert und wie jeder davon profitiert“. Das ist erfrischend optimistisch und zeigt, was zwischen Sattledt in Oberösterreich und Wuxi in China schon alles funktioniert, um zumindest die Klimakrise in den Griff zu bekommen und gleichzeitig wirtschaftlichen Erfolg zu haben. Man müßt‘ es nur machen, denn schließlich sind es defakto immer noch Nischen, in denen das wichtige und richtige funktioniert.
Ist das der Ausweg? Ein neuer Boom, keine Blase? Ließe sich so Kapital in ausreichendem Maße akkumulieren, um ein „grünes Wachstum“ für die nächsten Jahrzehnte zu ermöglichen. Oder würden wir auch „grün“ über unsere Verhältnisse leben? Wie gesagt: ohne „grünes Wirtschaftswunder“ geht es nicht. Aber auch Anschober erzählt nur einen Teil der Geschichte. Und so schließt sich der Kreis – die drei Bücher zusammen zu lesen macht Sinn.
Und wie sieht es auf der sozialen Seite aus? Was ist, wenn sich die Lebensqualität derer, die schon einigermaßen viel haben, auch ohne weiteres Wachstum aufrechterhalten lässt? Bricht dann das Finanzsystem endgültig zusammen. Zu Hause liegen noch einige Bücher, die mir darauf Antworten versprechen. Raimund Dietz‘ „Geld und Schuld“ (Metropolis) zum Beispiel, Michaela Mosers und Martin Schenks „Es reicht – für alle“ (Hanser) und meines verehrten Lehrers Kurt Rothschilds und Hans Bürgers „Wie Wirtschaft die Welt bewegt“ (lesethek).
Und vielleicht komm ich ja endlich dazu, mein eigenes Buch zu schreiben. Immerhin erscheint im Dezember unser völlig überarbeitetes „Argumentarium“ zum Thema Wachstum auf englisch (Earthscan). Auch ein Beitrag zur ökonomischen Alphabetisierung.
Weil aber Urlaub ist, hab ich dann doch noch ein paar belletristische Bücher gelesen: Für’s Herz die Liebesgeschichte(n) „Das elektrische Herz“ von Peter Stephan Jungk, aber auch Henning Mankells „Die flüsternden Seelen“ (dtv), für die Lachmuskeln Kurt Palms (k)ein Alpenkrimi „Bad Fucking“ (rororo) und für’s Hirn Veit Heinichens neuer Triest-Krimi „Keine Frage des Geschmacks“ (Zsolnay). Alle drei können – wie die drei Sachbücher – wärmstens empfohlen werden.

